Die Königsdisziplin: Abschied nehmen

Als Gitarrenlehrer und Selbstständiger ist man natürlich stets bemüht, neue Schülerinnen und Schüler für den Unterricht zu begeistern. Die Akquise und die Anbahnung neuer Kontakte – ob jung oder alt – sind ein essenzieller Bestandteil der Arbeit. Doch zur Realität des Unterrichtens gehört auch das Gegenteil: der Abschied. Hierbei müssen wir verschiedene Fälle unterscheiden.

Die natürliche Fluktuation 
Es gibt viele alltägliche und verständliche Gründe, warum der Unterricht endet:

  • Ortswechsel: Ein Umzug macht die weitere Teilnahme unmöglich.

  • Geänderte Interessen: Manche stellen fest, dass sie sich geirrt haben und das Gitarrenspiel doch nicht weiterverfolgen möchten.

  • Neue Prioritäten: Besonders Jugendliche im Teenager-Alter müssen ihre Freizeit oft neu strukturieren.

  • Persönliche Veränderungen: Eine neue berufliche Herausforderung oder familiärer Zuwachs, wie die Geburt eines Kindes, lassen weniger Raum für Hobbys.

Aufgrund dieser natürlichen Fluktuation ist man als Lehrkraft gut beraten, immer ein offenes Auge dafür zu haben, wie neue Schüler den Weg zu einem finden.


Das Tabuthema: Der Lehrerwechsel 
Es gibt jedoch auch das genaue Gegenteil: Schüler verlassen einen, weil sie bei einer anderen Lehrkraft nun besser aufgehoben sind. Dies wird in der Branche oft als Tabuthema behandelt, weshalb ich es hier genauer beleuchten möchte.

Eines meiner Leitprinzipien ist es, transparent, offen und nicht aus Eigennutz zu unterrichten. Das bedeutet: Das Wohl des Schülers oder der Schülerin steht klar im Vordergrund. Wenn jemand anfängt, die Grundlagen lernt, die Technik verfeinert und nach einigen Jahren sehr kompetent an der Gitarre ist und auf eigenen Füßen steht, kann ein Wechsel extrem sinnvoll sein. Natürlich kann ich immer noch viel zeigen – und das passiert auch –, aber:

  • Der didaktische Mehrwert: Andere Lehrkräfte bringen andere Methoden und neue Perspektiven mit. Das bringt frischen Wind ins Gitarrenspiel und ermöglicht große Fortschritte.

  • Fokus auf Entwicklung: Es geht nicht darum, Schüler narzisstisch zu halten und sich mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten zu dekorieren, sondern sie weiterziehen zu lassen und ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen.

Aus eigener Erfahrung
Wenn ich an meine eigene Ausbildung als professioneller Musiker zurückdenke, haben mich verschiedene Lehrer sehr viel weitergebracht. Als ich nach einigen Jahren meinen ersten E-Gitarrenlehrer fragte, ob ich wechseln kann, hat er mich dazu ausdrücklich ermutigt. Das hat mich damals bestärkt und zutiefst beeindruckt. Genauso verfahre ich heute selbst.

Ein aktuelles Beispiel
Genau in diesem Semester, in dem ich diese Zeilen schreibe, habe ich so einen Fall. Ein langjähriger Schüler wird aufbrechen und sich einen neuen Lehrer suchen. Wir haben sogar gemeinsam überlegt, wer das sein könnte. Nach vielen Jahren Unterricht kann er so neue Perspektiven, Methoden und ein neues Repertoire kennenlernen.

Ich blicke dem mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Aber ich freue mich jetzt schon, denn wir werden nicht nur Kontakt halten, sondern ich bin mir sicher, dass wir uns in Zukunft auch gitarristisch wieder treffen werden.

Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich für heute und sende

Rockig-nachdenkliche Grüße
Sascha