Vollmassive Westerngitarre für 500 Euro: Zu schön um wahr zu sein?

Wer mich kennt, weiß, dass ich bereits seit mehreren Jahren nach einem guten Akustiksound suche. In meinem Musikeralltag, bei Studioaufnahmen und auf der Bühne spiele ich deshalb eine fantastische Martin 000-18. Mit ihrem kleineren Korpus ist sie absolut perfekt für Fingerstyle. Aber High-End-Instrumente bringen zwei entscheidende Nachteile mit sich: Zum einen sind sie extrem teuer – weshalb ich meine Martin nicht zum entspannten Klimpern ins Schwimmbad mitnehmen kann. Zum anderen liefert die kleine Bauform zwar extrem definierte Mitten, lässt aber im Bassbereich manchmal den nötigen „Wumms“ vermissen. Kurz gesagt: Eine Zweitgitarre musste her.

Meine Anforderungen an die Zweitgitarre

Für mein neues Backup-Instrument hatte ich eine klare Checkliste im Kopf:

  • Kontrast-Programm: Sie musste sich klanglich und optisch klar von der Martin abheben – also kam nur eine kräftige Dreadnought-Bauform infrage.
  • Keine Kompromisse beim Holz: Ich bin ein absoluter Verfechter der vollmassiven Bauweise.
  • Qualität: Erstklassige Verarbeitung und eine saubere Einstellung waren Pflicht.
  • Das Budget: Die absolute Schmerzgrenze lag bei maximal 700 Euro.

Die Qual der Wahl im Budget-Bereich

Wenn man mit diesen Kriterien sucht, merkt man schnell: Der Markt für vollmassive Gitarren unter 700 Euro ist extrem dünn gesät. Die günstigeren Modelle von Branchenriesen wie Martin oder Taylor fallen schnell weg – sie spielen sich zwar ordentlich, bieten in dieser Preisklasse aber meistens nur eine massive Decke, während Zargen und Boden aus Laminat bestehen. Da fehlt mir einfach das Schwingungsverhalten. Preiswerte Einsteigergitarren von Harley Benton oder Fender sind zwar optisch ansprechend und super für Anfänger, für den professionellen Konzertalltag aber nicht die erste Wahl.

Lange Zeit hatte ich eine Sigma im Blick. Die traditionsreiche Marke punktet mit einem genialen Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Schüler von mir spielt ein gebrauchtes D-28-Modell von Sigma, das absolut sagenhaft klingt. Allerdings war mir dieser spezifische Sound für mein Spiel (eine Mischung aus Blues, Fingerstyle und Strumming) eine Spur zu warm und verwaschen. Ich wollte etwas Direkteres, Drahtigeres. Und so stieß ich auf eine Kopie der legendären D-18.

Meine erste Wahl: Die Eastman E1D

Die Eastman E1D ist im Kern eine Hommage an die legendäre Martin D-18. Die D-18 ist eine absolute Ikone der Musikgeschichte und prägte den Sound unzähliger Meisterwerke – man hört sie unter anderem im unverkennbaren Bluegrass-Picking von Doc Watson oder bei späten Live-Auftritten von Paul Simon.

Genau wie das historische Vorbild klingt die Eastman extrem drahtig, aufgeräumt, setzt sich im Mix grandios durch und liefert trotzdem ein fettes Bassfundament. Ein riesiger Pluspunkt für mich als Fingerpicker: Das Griffbrett ist mit 44 bis 45 mm angenehm breit gebaut, was auch größeren Händen viel Platz für saubere Griffe bietet.

Das Besondere an Eastman: Die Marke fertigt zwar in China, lässt dort aber fast alle Arbeitsschritte in traditioneller Handarbeit von geschulten Gitarrenbauer:innen durchführen. Das merkt man sofort – die Fertigungsqualität und die Qualitätskontrolle sind auf einem extrem hohen Niveau.

Der holprige Weg zum Instrument (Gebraucht-Jagd in Wien)

Der Haken an der Sache? Im Musikgeschäft meines Vertrauens war die Eastman restlos vergriffen und nicht lieferbar, also fiel das klassische Anspielen flach. Nach intensiver Suche wurde ich schließlich auf Willhaben fündig: Ein Anbieter in der Nähe von Wien verkaufte eine E1D im optischen Neuzustand.

Bei der Besichtigung die Ernüchterung: Die Gitarre war nicht gut eingestellt. Es waren viel zu dicke 13er-Saiten aufgezogen und die Saitenlage war extrem hoch. Da die Substanz des Instruments aber makellos war, schlug ich trotzdem zu, brachte sie direkt zum professionellen Service und ließ sie auf einen Satz 12er-Saiten optimal einstellen.

Das Ergebnis: Wie klingen Bespielbarkeit und Sound?

Rechnen wir kurz zusammen:

  • Gebrauchtpreis: 400,– Euro
  • Service & neue Saiten: 120,– Euro
  • Gesamtkosten: 520,– Euro

Für diesen unschlagbaren Preis habe ich nun eine vollmassive, fantastisch klingende Dreadnought im Stall. Ihr Sound ist voll, ausgewogen und wunderbar drahtig, ohne jemals harsch zu wirken. Da die Gitarre vom Vorbesitzer praktisch unbespielt war, sind die Höhen aktuell noch ein wenig „bissig“, aber das Holz wird sich in den nächsten Monaten durch das regelmäßige Spielen wunderbar einschwingen und verfeinern.

Nach dem professionellen Service – inklusive frisch polierter Bünde, perfekt eingestellter Halsneigung und neuen Saiten – ist die Bespielbarkeit gut bis sehr gut. Ein echtes Highlight ist das Halsbereich: Das verbaute C-Profil liegt fantastisch in der Hand und fühlt sich für mich persönlich beim Spielen sogar noch eine Spur angenehmer an als das Profil auf meiner teuren Martin!


Hörprobe gefällig? Wenn du dich selbst vom Klang dieser Budget-Wunderwaffe überzeugen willst, hör unbedingt in meine neue EP „Late Blossom“ rein. Bei dem Song „Family Business“ habe ich das gesamte Gitarrensolo mit genau dieser Eastman E1D eingespielt.

Mein Fazit

Vollmassiv für rund 500 Euro ist absolut nicht zu schön, um wahr zu sein. Man muss nur wissen, nach welchen Marken man sucht, und bereit sein, ein bisschen Liebe in das Setup zu stecken – so bekommt man für vergleichsweise wenig Geld ein professionelles Instrument, das einen über Jahre begleiten wird.